Reisebericht von Vicky Wycislo aus Kanada - Teil 1

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Reisebericht von Vicky Wycislo aus Kanada - Teil 1

Seit dem 02. Februar 2009 befinde ich mich auf kanadischem Terrain.Als ich nachmittags am Flughafen in Vancouver ankam und mich in einer langen Schlange angestellt habe, um mein Visum zu erhalten, machte ich schon meine erste Bekannschaft: A Mädl aus Dänemark, das zufälligerweise in die gleiche Jugendherberge muss. Somit machen wir also zu zweit auf den Weg. Vieles ist einfacher, wenn man zu zweit ist.
Naja, und dann trifft man Leute in der Jugendherberge und findet so mit der Zeit heraus, was man hier so alles mal gesehen haben sollte, und was und wo vieles billiger oder sogar umsonst ist.

Nachdem der Strand nur 4 Gehminuten entfernt lag, wusste ich schon, was ich als allererstes sehen und inhalieren musste. Stanley Park war auch nur 10 min. zu Fuß entfernt und gab mir das bisschen Freiheit, nach dem ich mich mit der Großstadt im Rücken schon am ersten Tag sehnte.

Nach ein paar Tagen des Einlebens und Ausschlafens machte ich mich auf Arbeitssuche. Da ich wusste, dass ich nicht als Kassierer in einem der Supermärkte enden wollte, bewarb ich mich für Jobs, die mich wirklich reizten. Bei der „Strathcona Park Lodge” auf Vancouver Island, “Educo” in Squamish und in sämtlichen Skiressorts in den Rocky Mountains und in den Bergen hier in der Gegend. Nach ein paar Anrufen in Skiressorts fand ich heraus, dass die Wirtschaftskrise auch hier ihre Auswirkungen zeigt und somit keine Skilehrer gesucht werden. Als ich mich am ersten Wochenende am Cypress Mountain persönlich in der Skischule vor Ort vorgestellt hatte, bekam ich zu hören, dass es momentan ganz schlecht aussähe. Nach ein bisschen Skifahren, gab ich meinen Lebenslauf auch im Cross Country Centre ab, wo mich der Manager dann sofort auf ein Interview für einen Job als Schneeschuh Guide einlud. Witzig, oder? Anschließend sah ich mir den Welt Cup der Damen im Buckelpisten-Fahren an (mogules) und genoss diesen sonnigen Tag.

In der Schlange vorm Shuttlebus, der mich wieder zurück nach Vancouver bringen sollte, fragte ich den Busfahrer, ob ich hier richtig sei. Da sprach mich von hinten ein Mann an und fragte: “Where do you wanna go?” Ich antwortete: “Downtown – Vancouver”. Er sagte “you know what, I give you a lift”. So kam ich zu einer gemütliche Reise (1 Std) mit einer total lieben, offenen Familie mit zwei Kindern. Als wir im Auto gut ins Gespräch gekommen waren, gab mir die Lady (Trish) ihre Telefonnummer und bot mir an, sie anzurufen, wann auch immer ich Hilfe brauchte. Wow! Beim Aussteigen dann sagte Rob, dass ich mich doch mal melden und für ein paar Tage bei ihnen bleiben sollte. Verrückt, oder?

Vom Snowshoe Guiding hab ich nichts mehr gehört, und irgendwie sagte mir mein Gefühl, dass es nicht gut sei die Stadt jetzt schon zu verlassen. Also beschloss ich, mich in Restaurants und Cafes zu bewerben. “Pfeilgrad” hatte ich am nächsten Tag eine 'Trial-shift' (bezahlte Einarbeitungsschicht) in einem italienischen Pizza-Leckereien-Cafe. Unmittelbar bevor ich dorthin zur Arbeit ging, rief mich mich jemand vom Mount Seymour, einem der Hausberge Vancouvers an, ob ich nicht am Tag darauf als Skilehrer anfangen könnte. Schwupsdiwup hab ich zugesagt. Der Café-Job endete um 21 Uhr und am nächsten morgen um neun stand ich am Berg. Jetzt hatte ich schon nach zehn Tagen in Kanada zwei Jobs auf einmal. Hab dann den Café-Job sein lassen, weil ich ja nebenbei auch noch ein bisschen entspannen wollte.

vv01_vancouver_cityAm Donnerstag, eineinhalb Wochen nach meiner Ankunft, holte mich die Nanny der Familie, die ich am Heimweg von meinem Tagesausflug kennengelernt habe, vor meiner Jugendherberge ab. Ab jetzt hatte ich ein neues Zuhause. Wenigstens für 7 Tage nächtigte ich in einem der reichsten Häuser in Vancouver direkt am Strand. Ich hatte dort mein eigenes Zimmer und sollte mich fühlen wie zuhause. Das tat ich auch, bis auf das komische Gefühl, alles einfach so umsonst zu bekommen. Als ich mit Trish darüber sprach, sagte sie nur, dass die besten Gäste diejenigen wären, die sich einfach bedienten und sich wie zu Hause fühlten. Dann meinte sie: “You know, Vicky, you are travelling and you don’t have much money, I am old and have enough money. I do this to you and one day you might do the same to somebody else and it makes the world at least a little tiny bit better”.

An einem der nächsten Tage ging ich dann mit Trish’s und Bob’s Kids in die Schule. Die Lehrerin Maria war voll begeistert. Sie lud mich ein, an der Schule Sportunterricht zu geben. Mir verschuf dieser Tag einen guten Einblick in die Schule, und es bestätigte sich mal wieder, dass Autorität in der Schule unverzichtbar ist.

Obwohl ich die Woche recht viel unterwegs war, mir ein Fahrrad besorgte und viel arbeitete, genoss ich es trotzdem in vollen Zügen, so nahe am Strand zu leben. Einmal, als ich relativ müde vom Berg 'nach Hause' kam, bot mir Trish an, im “hot tub” im Garten zu relaxen. Ich wusste erst gar nicht was sie meinte, bis ich dann herausfand, dass sich im Garten neben dem Swimming Pool und den Kajaks, die ich schon am ersten Tag entdeckt hatte, auch ein Whirlpool befand. Ich ließ mir natürlich nichts entgehen und saß 10 min. später mit einem Glas Rotwein bei Sternenhimmel im sprudelnden Pool. Wahnsinn!

vv01_vancouver_bayGanz ehrlich gesagt, mochte ich Vancouver bis zu diesem ersten Umzug zu Trish und Bob überhaupt nicht. Vancouver downtown ist eine Stadt voller Dreck, Anonymität, Smog, Lärm, voll von allem, was ich so als Mädel vom Land gar nicht gewohnt war. Dazu kommen die Homeless People (Obdachlose), die an beinahe jeder Straßenecke herumhängen, in Mülltonnen rumwühlen und auf der Strasse schlafen. Vancouver ist einer der wärmsten Orte in ganz Kanada. Deshalb kommen alle Obdachlosen des Landes hierher, um durch den Winter zu kommen. Der Staat tut nichts dagegen.
Das Coole jedoch, das mich jeden Tag wieder fasziniert hat ist, dass du am Strand stehst, und die Berge ständig entweder unmittelbar hinter oder neben dir zu sehen sind. Manchmal ist es echt cool. Ich komme heim vom Mount Seymour, hab den ganzen Tag Skiunterricht gegeben und dann setz ich mich einfach aufs Radl und fahr um den Stanley Park und darf dort einen so wahnsinns-wunderschönen Sonnenuntergang erleben, wie ich ihn selten gesehen habe.

vv01_vicky-w-colleaguesDer Job am Berg gefällt mir echt total gut. Im Vergleich zu jedem anderen Job hier ist er super bezahlt, und ich bin heilfroh, dass sie mir meine deutsche Grundstufe im Skifahren vom DSLV anerkannt haben. Ich bekomm sogar mehr bezahlt als manche Kanadier, die in der Skischule schon seit zwei Jahren arbeiten. Das schöne ist – und das macht mich echt glücklich -, dass ich so vielen Menschen aus den verschiedensten Ländern, die noch nie auf Skiern gestanden sind, innerhalb von zwei Stunden das Skifahren beibringe und ihnen vor allem die häufig vorhandene Angst nehme. Ab und zu bekommt man dann auch mal an Zwanzger zugesteckt oder aber fast immer zu hören, dass ich ein super “skiinstructor” bin und einen “very good job” geleistet hab. Das gibt einem schon ein gutes Gefühl. Die Kollegen sind aus allen möglichen Ländern, und der multikulturelle Mix verleiht der Skischule ein ganz besonderes Flair. Ich hatte das Glück, dass ich, obwohl ich nur 1 Woche dort gearbeitet habe, gleich mit auf einen Ausflug in ein nahegelegenes (3 Std entfernt), besseres Skigebiet fahren durfte, wo ich die Leute besser kennenlernen konnte und einen wahnsinns-sonnigen Skitag genoss.vv01_snowy-evening

Weil ich mich doch nach einer eigenen Bleibe sehnte und ich nicht Ewigkeiten auf Kosten von Trish und Bob leben wollte, machte ich mich auf Wohnungssuche. Und fand ich fand Ruck Zuck eine sehr günstige Wohnung in einem Appartement eines 22-stöckigen Hochhauses mit Blick aufs Meer (!),nur drei Gehminuten zum Strand. Noch dazu mit einem sehr, sehr lieben Mexikaner namens Pablo, der es liebt zu kochen, und mit dem ich echt super gut zu recht komme. Es hätte nicht besser kommen können.